Rør om

S1.

Die S-Bahn ist berstend voll. Im Fahrradabteil kann man auch ohne Fahrrad keinen Schritt tun. Alle Fenster sind offen. Viele Leute unterhalten sich, manche lesen Zeitung, ein Kind lacht. Ein junger Mann mit sehr hoch sitzender Baseballmütze und sehr tief hängenden Hosen hört laut Rapmusik, zwei Reihen weiter hört ein anderer laut Rockmusik. Beide starren unauffällig eine junge Frau mit Sonnenbrille und Minirock an.
Eine dicke Frau mit bunten Kleidern feilt seit einer Viertelstunde über der offenen Handtasche an ihren Fingernägeln, ohne Notiz von den anderen Fahrgästen zu nehmen. Dabei kaut sie unablässig Kaugummi und sieht nicht hoch. Als sie fertig ist, verstaut sie die Nagelfeile im dazu gehörigen Etui, zieht eine Tube Handcreme hervor, wischt mit einer flinken Handbewegung die Finger am Rockzipfel ab und beginnt dann sich die Hände einzucremen. Anschließend holt sie einen goldumrandeten Schreibblock und einen Federhalter aus ihrer Tasche und notiert etwas. Zwei Stationen später tauscht sie die Schreibgeräte wieder gegen einen Handspiegel und einen Lippenstift.
An den Türen stehen behemdete Herren. Im Fahrradabteil liest aus Platzmangel niemand Zeitung. Der Blick auf das Mädchen mit der Sonnenbrille ist inzwischen für beide jungen Männer versperrt, stattdessen wirft ein älterer Anzugträger neben ihr in regelmäßigen Abständen tiefe Blicke in ihr Dekolletée.
Es ist sehr warm, einige Leute hocken am Boden. Die dicke Frau holt ein Sudoku-Heft aus ihrer Tasche. Neben ihr war die ganze Zeit ein Platz frei.

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