
Der Sinn des Lebens
Haben Sie Nachbarn? Oder Verwandte? Haben Sie Freunde, die sich gern bei Ihnen beschweren über Dinge, die auch Sie nicht ändern können?
Vielleicht kennen Sie diese Art von Gesprächen. Ihr Nachbar (Verwandter, Saunagenosse, etc.) erzählt Ihnen von einer ungeheuren Unannehmlichkeit, die einem seiner Bekannten widerfahren ist. Das könnte zum Beispiel ein Problem mit einem Telefonanbieter sein, eine unfreundliche Fleischthekenmitarbeiterin im örtlichen Supermarkt, oder auch Pfusch eines Waschstraßenmitarbeiters am Heckscheibenwischer seines VW. Kleinbürgerlicher Kram also. Sie nicken fleißig, stimmen gelegentlich zu („Das ist ja ne Sauerei“, „Na das würde ich mir auch nicht gefallen lassen“ usw. usf.) und schütteln innerlich den Kopf.
Solche Leute brüsten sich gern damit, vorzugsweise „Bio“ bei Lidl zu kaufen, den Müll zu trennen und im Garten kein Laub zu verbrennen. Dafür läuft den ganzen Tag der Fernseher, die Glühbirnen ziehen permanent 60 Watt (weil dieser „Energiesparschwuchtelscheiß“ ja nicht richtig hell wird) und beim Lüften bollert die Heizung in aller Gemütlichkeit zum Fenster raus. Die Bildzeitung schreibt, dass Heizpilze in Biergärten und Diskotheken die größten Klimaverschmutzer sind.
Sie kennen solche Leute? Mögen Sie die? Ich mag die nicht. Ich erkläre Ihnen mal, warum.
Die Natur hat den Menschen mit einigen nützlichen Funktionen ausgestattet. Zum Beispiel kann der Mensch auf zwei Beinen laufen, je nach Belieben in verschiedenen Geschwindigkeiten, vorwärts oder rückwärts, und wenn der Mensch möchte, kann er sogar springen oder auf nur einem Bein stehen.
Und während der Mensch auf einem Bein steht, kann er mit den anderen beiden Gliedmaßen andere Dinge tun, denn die Natur hat ihn hier mit wunderbaren Werkzeugen ausgestattet. Mit seinen Händen kann der Mensch Gegenstände greifen und tragen, formen, zusammensetzen, zerstören, oder einfach nur erfühlen.
Mit seinen neun Sinnen kann der Mensch außerdem die ihn umgebende Welt auf vielfältige Art und Weise erfahren und mit ihr interagieren. Der Mensch kann auf verschiedenste Weisen kommunizieren, mit Blicken, Gesten und vor allen Dingen: mit Worten. Ist es nicht ein Wunder der Natur, dass der Mensch mit abstrahierten Geräuschen etwas ausdrücken kann, was andere Menschen verstehen?
Doch nicht nur diese mit Sprache schaffbare Eindeutigkeit, auch die Vieldeutigkeit des Menschen ist ein wahres Wunder! Der Mensch kann auf unterschiedlichste Art und Weise Dinge begreifen und erfahren, er kann Sachverhalte analysieren, abstrahieren und anders wieder ausdrücken. Er kann Zusammenhänge erkennen, mithilfe der Logik sogar über viele Ebenen und in mehrere Richtungen. Der Mensch kann Wissen und Erfahrung anhäufen und dieses nur Kraft seiner Gedanken auf unzählige verschiedene Gegebenheiten anwenden und weiter entwickeln.
Der Mensch kann sogar Gefühle und Emotionen entwickeln, er kann eine sprichwörtliche Aura haben, andere Menschen mit oder ohne Worte beeinflussen, zum Lachen oder Weinen bringen und wieder trösten.
Der Mensch ist ein wahres Wunder der Natur. Nur scheint er selbst Probleme zu haben, dies zu begreifen. Denn viel zu oft nehmen Menschen all diese kleinen und großen Wunder als gegeben hin und werden bequem. Die moderne Gesellschaft hilft ihnen dabei. Sie bietet alles, was ein bequemes Leben braucht: Einen Sessel, einen Fernseher, ein kühles Bier. So plätschert das Leben dahin.
Soll das etwa der moderne Mensch sein? Der mit zunehmendem Alter nicht nur fetter, sondern auch dümmer wird? Der alle kognitiven Fähigkeiten verliert und auf die Frage nach dem Sinn des Lebens das Programm von RTL oder die Bildzeitung rezitiert? Die einzigartigen Möglichkeiten versinken in der Sofaritze und als einziges Wunder bleibt die Erkenntnis, dass der unbewegliche, stets unzufriedene, freudlose Fleischsack, dessen Leben vom Fernsehen diktiert wird und der sich mit größter Genugtuung in seiner eigenen Lethargie suhlt, tatsächlich Mensch ist.
Er sitzt da, tut nichts und erzeugt CO2. Das ist der moderne Mensch. Das ist der wahre Klimakiller.
