
Haarbüschel des Grauens
Freitag, 29. September 2006
M48, Potsdamer Straße.
In öffentlichen Verkehrsmitteln begegnet einem oft das blanke Grauen. Nicht genug, dass es ständig nach humanoiden Ausdünstungen müffelt. Drauf geschissen, dass man nie einen sauberen Sitzplatz bekommt. Miefende alte Säufer neben einem, na und? Schreiende Blagen, pah.
Das wirkliche Übel lauert in metaphysischer Form.
Zwei Reihen vor mir, neben einem bunt besprenkelten Herrn (wahrscheinlich Maler), saß eine Frau mit einem fettigen graubraunen Lockenmopp auf dem Kopf. Am Scheitel pappten die Haare wie festgeleimt, während sie sich zu den Spitzen hin in tranig glänzenden Strähnen verloren.
Es widerstrebt mir eigentlich, ein solches Übel fasziniert anzustarren. Aber da saß unübersehbar eine kirschgroße Wollmaus an ihrem Kragen, der Farbe nach zu urteilen wohl ihr Eigenhaar. Eine Weile betrachtete ich dieses Objekt, das man aus der Ferne auch gut für eine fette Kreuzspinne halten konnte, mit einer Mischung aus Ekel und Interesse. Der mausgraue Blazer, den die Frau trug, böte einer Kreuzspinne einen gut tarnenden Untergrund, dachte ich bei mir.
Dann bewegte es sich.
Von seinem Untergrund wie ein gut gelaunter Weberknecht auf und ab wippend, krabbelte das Objekt einige Zentimeter den Rücken hinab und machte dann Halt. Es hörte auf sich zu wiegen und saß fortan wieder still. Nur ein glänzender Faden zwischen ihm und dem Kragen schimmerte noch im Licht.
