Rør om
Dienstag, 22. Mai 2007

S1.

Die S-Bahn ist berstend voll. Im Fahrradabteil kann man auch ohne Fahrrad keinen Schritt tun. Alle Fenster sind offen. Viele Leute unterhalten sich, manche lesen Zeitung, ein Kind lacht. Ein junger Mann mit sehr hoch sitzender Baseballmütze und sehr tief hängenden Hosen hört laut Rapmusik, zwei Reihen weiter hört ein anderer laut Rockmusik. Beide starren unauffällig eine junge Frau mit Sonnenbrille und Minirock an.
Eine dicke Frau mit bunten Kleidern feilt seit einer Viertelstunde über der offenen Handtasche an ihren Fingernägeln, ohne Notiz von den anderen Fahrgästen zu nehmen. Dabei kaut sie unablässig Kaugummi und sieht nicht hoch. Als sie fertig ist, verstaut sie die Nagelfeile im dazu gehörigen Etui, zieht eine Tube Handcreme hervor, wischt mit einer flinken Handbewegung die Finger am Rockzipfel ab und beginnt dann sich die Hände einzucremen. Anschließend holt sie einen goldumrandeten Schreibblock und einen Federhalter aus ihrer Tasche und notiert etwas. Zwei Stationen später tauscht sie die Schreibgeräte wieder gegen einen Handspiegel und einen Lippenstift.
An den Türen stehen behemdete Herren. Im Fahrradabteil liest aus Platzmangel niemand Zeitung. Der Blick auf das Mädchen mit der Sonnenbrille ist inzwischen für beide jungen Männer versperrt, stattdessen wirft ein älterer Anzugträger neben ihr in regelmäßigen Abständen tiefe Blicke in ihr Dekolletée.
Es ist sehr warm, einige Leute hocken am Boden. Die dicke Frau holt ein Sudoku-Heft aus ihrer Tasche. Neben ihr war die ganze Zeit ein Platz frei.

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Wesentliche Unterschiede zwischen Sommer und Herbst
Montag, 2. Oktober 2006

Friedrichstraße, Berlin-Mitte.


Im Hochsommer ist es üblicherweise dermaßen heiß, dass man jeden Morgen schweißgebadet erwacht – obwohl man die Nacht in weiser Voraussicht nackt und unbedeckt auf dem Balkon verbracht hat.

Im Spätsommer sind die Tage noch genau so heiß, die Nächte werden aber frisch. Wem dann wie mir noch wochenlang der Juli in den Knochen steckt, der trägt den ganzen August lange Hosen, weil es ja früh morgens, wenn der Wecker klingelt, riesenschweinekalt ist.

Wenn dann der Herbst anfängt, sind die Tage nur noch mild, während die Nachttemperaturen sich auf Augustniveau halten – der Tag-Nacht-Unterschied ist Ende September am geringsten.


Die Einsicht, dass der Sommer noch gar nicht zu Ende ist, kommt mir jedes Jahr zu dieser Zeit. Zwei Tage vor Herbstbeginn habe ich Geburtstag, da ist immer gutes Wetter. Dann trage ich wieder kurze Hosen.


Bis in den November hinein, wenn es wirklich schweinekalt wird.

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