Kugelwolle
Dienstag, 17. Oktober 2006

Vor Jahren in der P.M. gelesen.

Forscher versuchen Spinnweben synthetisch herzustellen, um das Material zukünftig bei der Fertigung kugelsicherer Westen einsetzen zu können. Der Vorteil: Spinnweben sind mikroskopisch dünn und von enormer Stabilität bei höchstmöglicher Elastizität. Kugelsichere Westen würden dünn wie ein zwanzig Jahre altes, täglich getragenes und nie gewaschenes Feinripphemd, man könnte Hawaiihemden direkt aus diesem Garn herstellen, ja sogar Negligées! Niemand könnte mehr mit bloßem Auge unterscheiden, ob jemand kugelsicher geschützt ist oder normale Kleidung trägt. Gerade in Amerika könnte das einen gesellschaftlichen Wandel unvorstellbaren Ausmaßes bedeuten.

Jeden zweiten Tag frage ich mich, warum die Forscher nicht an menschlichem Haar forschen. Wenn man bedenkt, mit welcher Kraft ich immer an der Haarbürste zerre, doch gar kein schlechter Gedanke...

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Haarbüschel des Grauens
Freitag, 29. September 2006

M48, Potsdamer Straße.

In öffentlichen Verkehrsmitteln begegnet einem oft das blanke Grauen. Nicht genug, dass es ständig nach humanoiden Ausdünstungen müffelt. Drauf geschissen, dass man nie einen sauberen Sitzplatz bekommt. Miefende alte Säufer neben einem, na und? Schreiende Blagen, pah.

Das wirkliche Übel lauert in metaphysischer Form.

Zwei Reihen vor mir, neben einem bunt besprenkelten Herrn (wahrscheinlich Maler), saß eine Frau mit einem fettigen graubraunen Lockenmopp auf dem Kopf. Am Scheitel pappten die Haare wie festgeleimt, während sie sich zu den Spitzen hin in tranig glänzenden Strähnen verloren.
Es widerstrebt mir eigentlich, ein solches Übel fasziniert anzustarren. Aber da saß unübersehbar eine kirschgroße Wollmaus an ihrem Kragen, der Farbe nach zu urteilen wohl ihr Eigenhaar. Eine Weile betrachtete ich dieses Objekt, das man aus der Ferne auch gut für eine fette Kreuzspinne halten konnte, mit einer Mischung aus Ekel und Interesse. Der mausgraue Blazer, den die Frau trug, böte einer Kreuzspinne einen gut tarnenden Untergrund, dachte ich bei mir.

Dann bewegte es sich.

Von seinem Untergrund wie ein gut gelaunter Weberknecht auf und ab wippend, krabbelte das Objekt einige Zentimeter den Rücken hinab und machte dann Halt. Es hörte auf sich zu wiegen und saß fortan wieder still. Nur ein glänzender Faden zwischen ihm und dem Kragen schimmerte noch im Licht.

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