
CD-Kritik: Turisas - The Varangian Way
Freitag, 29. Juni 2007
Ich gehöre ja zu der Gruppe Menschen, die ihr weniges sauer verdientes Geld noch regelmäßig für CDs ausgeben. Also keine Rohlinge, sondern bespielte Audio-CDs, so richtig mit Booklet und GEMA-Code. Und nicht nur das: Ich streiche mir auch alle wichtigen Erscheinungsdaten dick im Kalender an, lese Fachpresse und sehne jedes neue Album einer von mir favorisierten Band mit viel Ungeduld herbei.
Der nächste Termin in meinem Kalender ist der 20. Juli – dann erscheint „Ithyphallic“, das neue Album von Nile. In der Zwischenzeit bin ich sogar so ungeduldig geworden, dass ich letzte Woche spontan zum Saturn am Alex gefahren bin und die ganze Heavy-Abteilung durchgestöbert habe. Gekauft habe ich letztendlich „The Varangian Way“, das neue Album von Turisas, erschienen am 15. Juni.
Es stand nicht auf meinem Plan. Ich habe Turisas vor zwei Jahren mal auf dem Earthshaker Fest gesehen, sie waren eine der besten Bands des Festivals. Ich kenne auch „Battle Metal", das Debütalbum der Finnen von 2004 sehr gut. Trotzdem hatte ich den Kauf von „The Varangian Way“ nicht geplant – doch als ich es bei Saturn in Händen hielt, wusste ich instinktiv, dass ich mich nicht im Nachhinein ärgern würde.

„The Varangian Way“ ist eine halbfiktive Handelsroute aus dem 11. Jahrhundert, an deren Stationen sich das Album entlang rockt. Sehr schön ist dieses Konzept auch auf dem Backcover dargestellt: In Form einer Karte Osteuropas, auf der die Songs als Reiseroute angeordnet sind.
Auch musikalisch geht das Album eine abenteuerliche Reise. Der eröffnende Titel „To Holmgard And Beyond“ (als Single erschienen und auf der MySpace-Seite der Band zu hören) beginnt bombastisch mit Posaunen, Doublebass und tollen Chören. In Struktur und Rhythmus erinnert der Song stark an „One More“ vom Debütalbum – durch seine kräftigen Melodien bleibt er sofort im Ohr hängen.
Der zweite Song „A Portage To The Unknown“ schlägt in eine ähnliche Kerbe. Beginnend mit einem knisternden Akkordeon schwenkt der Song schnell in eine tolle Wechselstimmung aus wagnerianischem Refrain und leichten Zwischenparts um. Auch die Melodie dieses Songs bleibt sofort im Ohr hängen – besonders bei Klassikfreunden wie mir, denn ihnen wird auffallen, dass die erste Hälfte des Themas aus Smetanas „Die Moldau“ übernommen ist.
„Cursed Be Iron“ ist der Titel des dritten Songs, passend dazu wird hier waschechter Todesstahl geschmiedet. Der Song kommt fast völlig ohne Chöre und Orchestrierung daher und passt trotzdem hervorragend.
Symphonisch geht es dafür mit „Fields Of Gold“ weiter. Obwohl der Song an sich klasse ist und sich wunderbar in den Rest des Albums einfügt, fällt mit ihm die Spannung und Qualität ein wenig ab. Nach den vorangegangenen drei Übersongs aber auch nicht verwunderlich. „Fields Of Gold“ leitet sozusagen den harmlosen Mittelteil des Albums ein, damit der Hörer zum Ende hin noch genügend konzentriert ist.
Harmlos geht es weiter mit „In The Court Of Jarisleif“, einem kurzen Klezmer-durchtränkten Partysong. Live wird dieser Song bestimmt tierisch abgehen, auf Platte nervt er mich etwas.
Eine ruhige, tröpfelnde Klaviermelodie mit viel Delay, die mich an irgendeine Filmmusik erinnert (Forrest Gump? American Beauty?) leitet „Five Hundred And One“ ein, den für mich besten Song des Albums. Perfekte Dramaturgie, Melodien zum Niederknien und wieder diese Chöre, die einen schlichtweg umhauen. Grandios.
„The Dnieper Rapids“ anschließend schlängelt sich genau so unvorhersehbar dahin wie der namensgebende Fluss, im letzten Drittel gesellt sich sogar eine Hammondorgel dazu. Irgendwie komisch, aber gut.
Die abschließende „Miklagard Overture“ schlägt in Melodie und Struktur wieder einen Bogen zum Eröffnungssong, außerdem fühlt man sich ständig an die besten Momente aus „Battle Metal“ erinnert. In erhabenem Midtempo donnert dieser Song durch die gesamte Stilistik von Turisas, nimmt sogar noch obskure Seventies-Hard-Rock-Elemente mit auf, um sich am Ende in eine dieser Gänsehaut erzeugenden Chorpassagen zu steigern. Bombast pur.
Man merkt „The Varangian Way“ deutlich die drei Jahre Entwicklungszeit an; bildet es doch eine folgerichtige Weiterentwicklung des auf „Battle Metal“ etablierten Stils. „The Varangian Way“ ist dabei sehr viel geschlossener als der Vorgänger, verliert nie den roten Faden und bringt auch wieder die obskuren Jazz-Einflüsse mit, die „Battle Metal“ so charmant machten – freilich ohne solch fürchterliche Momente wie den weiblichen Gesang aus „Midnight Sunrise“ zu wiederholen.
„The Varangian Way“ ist ein tolles Album, das eine fesselnde Atmosphöre verbreitet und für das erst zweite Album einer Band erstaunlich erwachsen klingt. Schade nur, dass es mit 43 Minuten etwas kurz ist.
85 von 100 Punkten.

